Kassenchef fordert radikale Systemwende und 150-Euro-Pauschale
Krankenkassenchef fordert 180-Grad-Wende im Gesundheitssystem
Berlin — In einer Debatte, die die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland grundlegend verändern könnte, hat der Chef der IKK Innovationskasse ein radikales Konzept vorgelegt. Sein Modell sieht eine strikte Neuordnung des Systems vor und schlägt unter anderem eine monatliche Pauschale von 150 Euro für alle Versicherten vor.
Ralf Hermes und sein Mitautor Thomas Drabinski beschreiben ihr Konzept als «ordnungspolitische Alternative zur Dauerkrise». Sie plädieren dafür, das Gesundheitswesen in drei klar getrennte Bereiche aufzuteilen: Solidarität, Versorgung und Wettbewerb. Ziel sei es, Finanzierung und Leistungserbringung transparenter und nachhaltiger zu gestalten.
Kernelemente des Vorschlags
- Solidarische Gesundheitsversicherung: Finanzierung durch staatliche Zuschüsse und einen Pauschalbeitrag von rund zehn Prozent der Löhne, getragen von den Arbeitgebern. Diese Ebene soll besonders kostspielige Leistungen wie Krankenhausaufenthalte abdecken.
- Soziale Krankenversicherung: Finanzierung über Beitragszahlungen der Versicherten für die alltägliche medizinische Versorgung. Zusätzliche Pflichtpauschale: alle Versicherten, inklusive Ehepartner, sollen monatlich 150 Euro entrichten. Beim Arztbesuch ist eine Eigenbeteiligung vorgesehen.
- Private Zusatzversicherung: Freiwillige Absicherung für Leistungen jenseits der Grundversorgung, etwa Krankengeld, Zahnersatz, schnellerer Zugang zu Ärzten sowie Wahlleistungen und Innovationen.
Hermes fordert sogar die Auflösung der bisherigen Pflegeversicherung zugunsten einer integrierten Struktur. Nach seiner Einschätzung sei nicht nur die Finanzierungsbasis ins Wanken geraten, sondern die gesamte Architektur des Systems müsse neu gedacht werden.
Prävention als Staatsaufgabe
Parallel plädieren andere Kassenvertreter für eine stärkere Ausrichtung auf Prävention. Andrea Galle von der Betriebskrankenkasse mkk fordert, Gesundheit als Staatsauftrag zu verankern und durch eine Erweiterung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit dauerhaft zu schützen. Gemeinsam mit dem Sportwissenschaftler Ingo Froböse sammelt sie Unterschriften für eine Petition, die Prävention und Aufklärung in den Mittelpunkt rücken soll.
Galle mahnt: Gesundheit dürfe nicht nur als Kostenfaktor behandelt werden. «Wir reden in Deutschland seit Jahren vor allem darüber, wie wir Krankheiten finanzieren. Viel zu selten reden wir darüber, wie wir sie verhindern», heißt es in ihrem Positionspapier.
Streit und Perspektiven
Die Vorschläge werden heftige politische und gesellschaftliche Diskussionen auslösen. Kritiker werden insbesondere die verpflichtende Pauschale und die größere Rolle privater Zusatzversicherungen als soziale Schieflagen ansehen. Befürworter hingegen sehen in der Aufteilung der Finanzierungsebenen eine Möglichkeit, die Stabilität des Systems wiederherzustellen und Innovationen zu steuern.
Weiteres Vorgehen ist offen: Die von Gesundheitsministerin Nina Warken eingesetzte Finanzkommission Gesundheit hat bereits 66 Reformvorschläge vorgelegt. Ob und wie die von Hermes, Galle und anderen formulierten Ideen in politische Entscheidungen münden, bleibt Gegenstand intensiver Verhandlungen.
Für Versicherte bedeutet die Debatte vor allem eines: Grundlegende Veränderungen sind denkbar, die Beiträge, Leistungsumfang und die Rolle der privaten Vorsorge nachhaltig beeinflussen können. Die Diskussion dürfte die kommenden Monate prägen.

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